InvestmentsThemenHerausgeber-Kolumne

Die HRSG-Kolumne

 

Frank Wettlauffer und der Optimismus-Bias

Von Elmar Peine

Vor ein paar Tagen im „Datscha“, einem russischen Restaurant in Kreuzberg, mit Frank Wettlauffer. Wettlauffer ist ein bekannter Name in der Nachhaltigkeitsszene in Deutschland. Der hoch aufgeschossene blonde Mitfünfziger mit dem markanten Unterkiefer war lange einer der Köpfe der Bank Sarasin, dem Pionier in Sachen Finanzen und Nachhaltigkeit hierzulande. Nach Stationen bei Notenstein und Vescore hatte er keine Lust auf einen weiteren Bankjob.

Seit ein paar Monaten lebt auch er in Berlin. Wir sitzen in der Mittagssonne auf dem breiten Bürgersteig in der Graefestraße. Die russischen Plini mit Lachs und Avocadocreme, die es hier gibt, schmecken fantastisch. Wettlauffer wirkt neugierig und optimistisch, ein interessanter Gesprächspartner, der zu vielen Themen eine ungewöhnliche Meinung hat. Er kennt sich in den Verästelungen der keynesianischen Theorie ebenso aus wie in der Unterscheidung zwischen Risiko und Unsicherheit. Und er ist offen, kritisiert beispielsweise RenditeWerk dafür, dass wir Stiftungen auch geschlossene Fonds empfehlen. Die originelle Begründung: Bei börsengehandelten Wertpapieren würde der gesamte Markt an der Preisfindung teilnehmen, bei offenen Immobilienfonds seien das immer noch zwei Gutachter. Bei geschlossenen Fonds aber sei es nur eine Person, der Anbieter. Der hätte auch noch einen Interessenskonflikt. Ich denke nur: „Ups“.

Vor ein paar Monaten hat Wettlauffer einen Stiftungsfonds aus der Taufe gehoben. Wir reden über das Produkt und kommen auf die Auswahlkriterien für Aktien zu sprechen.

„Wir suchen nach Werten mit hoher Visibilität“, sagt er.

Visibilität. Ich nicke und setze die Begründung in Gedanken fort. Stiftungen brauchen verläßliche Ertragsparameter, gerade in Zeiten von Nullzinsen, und suchen deswegen nach besonders gut kalkulierbaren Dividendenerträgen. Das wird er jetzt sagen. Nicht wahnsinnig überraschend, aber natürlich auch nicht falsch, denke ich.

Aber so einfach macht  es Wettlauffer einem nicht.

„Bei Aktien mit hoher Visibiliät ist nämlich der Optimismus-Bias nicht so groß.“

Der Optimismus-Bias? Ich kenne den Home-Bias aus dem Behaviorismus, weiß, dass Analysten im Durchschnitt zu optimistisch prognostizieren, aber was meint er jetzt mit dem Optimismus-Bias?

„Die Käufer einer Aktie sind ja grundsätzlich der Teil der Anlegerschaft, die am optimistischsten für diesen Wert eingestellt sind. Die Pessimisten kaufen ja nicht.“ Entsprechend würden die Kurse in der Regel nicht die realistische Durchschnittserwartung, sondern die Prognosen der Optimisten unter den Anlegern widerspiegeln. „Und das gilt insbesondere für Unternehmen, in deren Zukunft vieles möglich erscheint, deren Visibilität also nicht hoch ist.“  Wettlauffer nennt diese Aktien „Story Stocks“ im Gegensatz zu „Visibilitäts-Stars“. Da die Konsequenzen des Optimismus-Bias bei Visibilitäts-Stars nicht so gravierend sind wie bei den Story Stocks, rentieren erstere langfristig besser. Damit kann auch das Paradoxon erklärt werden, dass Low-Risk Aktien trotz geringerer Risiken besser performen als der breite Markt.

Auch das klingt originell und plausibel. Warum habe ich davon noch nie etwas gehört? Instinktiv mache ich noch einen Versuch, zu kontern. „Und was ist mit den Verkäufern? Das sind doch die Pessimisten.“ Doch Wettlauffer winkt nur ab: Das sei ja gerade die Asymmetrie. Als Käufer würden die größten Optimisten unter allen Anlegern zum Zuge kommen, während (ohne Shortmöglichkeiten) als Verkäufer eben nur die Besitzer dieser Aktien als Pessimisten in Frage kämen. Außerdem: „Die Verkäufer sind doch auch alles ehemalige Optimisten.“

Ich brauche noch einen Kaffee.