Statt 70/30 bald 20/80?

Statt 70/30 bald 20/80

Christoph Bruns ist Gründer, Gesellschafter und Fondsmanger der Loys AG. Er lebt in Chicago und versucht von dort, die Deutschen zu besseren Anlegern zu machen, das heißt, Ihnen die Aktienanlage näher zu bringen. RenditeWerk sprach mit ihm über Stiftungsvermögen.

 

Herr Bruns, sie leben in den USA. Warum gibt es dort viel mehr Stiftungen?

Bruns: Das hat mehrere Gründe. Einer ist, dass dort einfach größere Vermögen sind. Oder richtiger: Deutschland hinkt, was die Vermögensgröße der Bevölkerung angeht, deutlich hinter den USA her. Und ich meine jetzt nicht die Vermögen der ganz Reichen, die den Durchschnitt nach oben ‚verzerren‘. Deutschland liegt auch, wenn man sich den Median der Vermögensgröße betrachtet, also fragt, welches Vermögen die mittleren Schichten haben, weit zurück. Es ist also erstens schlicht weniger Masse vorhanden.

Und der zweite Grund?

Zweitens sehe ich hier im Vergleich eine Staatsfixiertheit, die es so in den USA nicht gibt. Während in Deutschland viele sagen: „Für Gerechtigkeit ist der Staat zuständig“, heißt es dort prototypisch: „Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint und deswegen sollte ich etwas zurückgeben.“

Kann die unterschiedliche Sicht der Dinge bis auf die Vermögensanlage ausstrahlen?

Unbedingt. Die Anleihengläubigkeit deutscher Stiftungen steht im Gegensatz zu offenen Rendite-Wettbewerb etwa der amerikanischen Universitätsstiftungen, die ja auch erheblich breiter anlegen als die deutschen Pendants. Wenn Sie so wollen, stützt eine Stiftung hierzulande durch den Anleihenkauf den Staat, ist also ein Staatsdiener, während sich eine amerikanische Stiftung eher als Unternehmer sieht.

Ich verstehe sowieso nicht, warum Stiftungen hier die Quelle ihres Vermögens, das Unternehmertum, in der Anlage so negieren und nicht auf Unternehmensbeteiligungen setzen, sondern nur die Anleihen im Auge haben.

Sie fordern, sich stärker auf Aktien zu fokussieren.

Dazu gibt es keine Alternative.

Kurzfristig?

Kurz-, mittel- und langfristig. Kurzfristig macht die Nullzinsphase es quasi unmöglich, mit Anleihen in einer vertretbaren Risikostufe eine genügend große Rendite zu erwirtschaften.

Mittelfristig dürfen wir nicht darauf hoffen, dass die Zinsen wieder ansteigen. Viele Staaten sind so stark verschuldet, dass schon das die Notenbanken daran hindern wird, Zinsen auf ein Normalmaß anzuheben.

Langfristig verhindert die demografische Entwicklung, aber auch der Wandel von einer kapitalintensiven Industriewelt zu einer smarten Dienstleistungswelt dass die Nachfrage nach Kapital gewaltig ansteigen wird. Das alles drückt die Zinsen bis auf weiteres. Übrigens sind Anleihen langfristig vor dem Hintergrund regelmäßiger Währungs- und Schuldenschnitte ohnehin eine höchst riskante Anlageform, vor allem, wenn sie mit einer passiven Anlagestrategie verbunden wird.

 

Viele Experten raten auch Stiftungen zu ETFs.

Ohne das im Einzelnen werten zu wollen:  Passivität ist eine dem Kapitalismus fremde Verhaltensform. Das System lebt davon, dass jeder die Freiheit und Notwendigkeit hat, mit den sich immer wieder ändernden Bedingungen des Wirtschaftens kreativ umzugehen. Übrigens bin ich deswegen auch kritisch, was das Thema künstliche Intelligenz oder allgemeiner: automatisierte Anlagestrategien – angeht. Sie beziehen sich nämlich immer nur auf die Vergangenheit und sind deswegen nicht kreativ.      

Zurück zu den Aktien. Warum sollten Sie überlegen sein?

Für eine auf Ewigkeit angelegte Stiftung ist die Aktie, die zwischenzeitlich stark schwanken mag, aber im Trend die höchste Rendite bietet, grundsätzlich besser als eine Anleihe. Wenn man dazu bedenkt, dass etwa der DAX 2/3 seiner Gewinne als Dividenden, also als ordentliche Erträge abwirft, dann ergibt sich schon daraus die richtige Stiftungsstrategie: Mit Dividendentiteln, also Sachtiteln, die ganzen Risiken von nominalen und häufig sogar auf fremde Währungen lautenden Schuldverschreibungen umgehen und dabei langfristig eine bessere Rendite erwirtschaften. Dazu gibt es keine Alternative.

Sollte man Anleihen als Stiftungsanlage verbieten?

Eine deutsche Frage. Nein, sowas sollte man nicht durch Verbote sondern durch Aufklärung und Vernunft steuern.

Bislang gilt aber das Dogma der 70 zu 30 Anlage, mindestens 70 Prozent Anleihen und höchstens 30 Prozent Aktien.

Daraus sollte eine 20 zu 80 Leitlinie werden: 20 Prozent Anleihen und 80 Prozent Aktien.